Übersicht:

Vaters Malergeschichten

Lokalpatriotismus

Bilderpreise

Der kleine Bilderkäufer

Eine seltsame Liebeserklärung

Der Spion

Der malende Knecht

Der Kunstfreund

Erlebnisse mit Bauern

"Heinz, geh zum Müller!"

Papirossi

Die provisorische Malhütte

Ein Modell

Kartoffelspalken

Der Nachbar

Eine Hundegeschichte

 

 

Vaters Malergeschichten

Ein Vorwort (von Inge Wandsleb, geb. Kiefer)

Wenn man in der Nähe unserer Kleinstadt irgendwo einem Maler mit Fahrrad und Rucksack begegnete, ihn auf einer Anhöhe zwischen verstreutem Malgerät auf einem Hocker sitzen sah, die Beine fest übereinandergeschlagen, um das Zittern der gelähmten Glieder zu unterdrücken, dann war man mit Sicherheit meinem Vater, dem Kunstmaler Heinrich Kiefer begegnet.

Ich kann mir das Leben meines Vaters ohne die Arbeit im Freien, ohne das direkte Erleben der Natur nicht vorstellen. Die Arbeit im Atelier war Notwendigkeit - das Malen in der Natur für ihn lebenswichtiges Bedürfnis. Nicht in stiller Zurückgezogenheit in seinen vier Wänden malte er seine besten Bilder, sondern mitten im Leben, gleich ob Gewitterschwüle zur Plage wurde, naßkalter Herbstregen

die Finger steif werden ließ oder ihm gar bei klirrendem Frost die Aquarellfarben auf dem Papier gefroren.

Es blieb nicht aus, daß er durch seine Arbeit im Freien die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zog. Oftmals wurde aus dem bloßen neugierigen Zuschauen ernsthaftes Interesse, kam es zu für beide Seiten anregenden Gesprächen. Bei manchen Menschen weckte Vater damit Interesse für die Kunst, und wohl manchen Freund oder späteren Schüler hatte er einer solchen Zufallsbekanntschaft zu verdanken.

Aber auch die kleinen Begebenheiten am Rande waren es Vater oft wert, im Gedächtnis erhalten zu bleiben. Manches Erlebnis schrieb er auf- so entstanden „Vaters Malergeschichten“: einige Schulhefte im heute vergilbten Einband, gefüllt mit kleinen Alltagsgeschichten. Sie sollten kein großes Werk werden, geben aber über das Leben und vor allem über das Wesen des Malers Heinrich Kiefer ein beredtes Bild ab.

Nicht nur mit Pinsel und Farbe verstand er Bilder zu malen, es gelang ihm auch mit Worten. Eigentlich von Vater nur zu seiner eigenen stillen Freude und zum Schmunzeln aufgeschrieben, erscheinen sie mir heute, Jahre nach seinem Tode, wert, zumindest von seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln gelesen zu werden.

Wer diese Blätter mit wachem Einfühlen liest, findet nicht nur ein paar ergötzliche Geschichtchen, sondern ein Stück Zeitgeschichte der Jahre um den zweiten Weltkrieg, einer Zeit, in der das Sinnen und Trachten der Menschen wohl wenig Raum für die Kunst ließ und ein Kunstmaler, und seine Familie ein besonders schweres Auskommen hatten.      

Wie Vater mit den Kümmernissen der Zeit fertig wurde, auch im Kleinen ein Stückchen Freude in einer an Freude gar armen Zeit fand, zeigen diese Episoden.

Und so mancher Neustädter könnte sich in einem der beschriebenen Menschen wiedererkennen, so er ein gutes Gedächtnis hat.

 

Lokalpatriotismus

Vor Jahren wohnten wir unweit des Dorfes Lausnitz in einem kleinen Häuschen im durch seine Lieblichkeit weit und breit bei allen Spaziergängern als Ausflugsziel geltenden Mühlengrund. An unserem Haus lag ein kleiner Karpfenteich, den ein schmaler, morastiger Bach speiste, der durch enge Felsengebirge tief ins Land einschneidet und von saftigen Wiesen, Misch- und Buchenwald umsäumt wird.                   

Auf dem nahen Birkenhügel oder dem hohen Totenstein saß ich oft, schaute in das weite Längstal und hielt zu jeder Jahreszeit die reizvolle Landschaft mit Pinsel und Farbe fest. Ich kannte jeden malerisch guten Blick, jede Wegbiegung, die eine überraschende Aussicht freigab, jeden Busch und Baum in weiter Runde.

Wenn ich so beim Malen saß, kamen oft die von der Schule heimkehrenden Bauernkinder oder Einwohner des Tales zu mir heran, schauten respektvoll zu, ohne mich durch ein lautes Wesen zu stören, und blieben oft ein Viertelstündchen meine Zuschauer, stets mit gesittetem Abstand, doch Hingegeben ins Schauen und Erkennen.       

Auf diese Weise lernte mich Groß und Klein allmählich kennen. Da ich in der

Landschaft meist an erhöhten Ausblicken saß, sah man mich schon von weitem und so hörte ich vielfach das Nahen junger Gäste durch Zurufe und das lustige Geklapper von mehreren Bücherranzen.

Bald kamen neckende Gespräche mit den Kindern auf. Der fröhliche Wettstreit in Worten begann meist folgendermaßen: Ich fragte: „Kannst du das auch, Lenchen oder Hans, Fritze oder Paul?" Wobei sich der oder die Befragte mit solchen oder ähnlichen Worten aus der Schlinge zog: „Nein, ich nicht, aber mein Vater, mein großer Bruder oder dgl. kann das noch viel besser." Worüber ein allgemeines Gelächter entstand, weil das Zutrauen zu dieser Behauptung fehlte.

Meinen Namen kannte also bald jedes Schulkind und jeder Erwachsene in unserer Gegend. Entweder hieß es schon von weitem: „Der Maler ist wieder da!" oder kurz: „Herr Kiefer malt."                              

Wir hatten vor Jahren das Haus und die schöne Gegend verlassen und bewohnten in der nächstgelegenen Stadt ein Haus, weil die Lebensbedingungen es verlangten.

Die Schar der kleinen Zuschauer von damals, worunter sich auch vier- und

fünfjährige Knirpse befunden hatten, war die Stufenleiter in der Schule und im Leben aufwärts geklettert, und ich blieb diesen Kindern eine sagenhafte Gestalt ihrer Kindheit.

Nun besuchte ich, wie auch meine Kinder, die an ihrer früheren Heimat noch jahrelang hingen, wieder einmal den Mühlengrund. Es war ein stiller Frühlingstag, heiter und strahlend, wie man ihn nur Inder Natur richtig erleben kann. Erste Schmetterlinge leuchteten mit flatterndem Flug gegen den dunklen Wald, an den eine bunte Frühlingswiese mit goldenem Löwenzahn grenzte. Ich war gelöst und voller Freude, solchen Tag, solche stillen Morgenstunden malender Weise zu erleben. Mein Fahrrad lehnte am Baum, der Rucksack hing über der Lenkstange. Ich saß auf einem Hocker, ein Hocker bildete meinen Aquarelltisch, um mich waren Malutensilien verstreut. Das Aquarellpapier hatte die leichte Feuchtigkeit, die ich so schätze, weil sie die Farben weich auftrocknen läßt.

Ich hatte still für mich gearbeitet und war flott vorangekommen, als sich von weitem Stimmengemurmel mit heftigen Ausrufen vermischt hören ließ. Schon stürmte eine Schar Kinder den Berg laut herabtrampelnd heran. „Ein Maler! Ein Maler!" war der Losungsruf, der schnell eine wachsende Schar zu lustigem Wettlauf zusammenrief;

Dicht umdrängt sah ich in die erhitzten, leuchtenden, vor Neugier brennenden  Kindergesichter, die mich wie eine Zange umstellt hatten. Ich ließ sie ein paar Minuten gewähren, ohne jedoch weiter zu arbeiten. Der stille Vormittag war mir doch zu schnell entschwunden und ich suchte die Kinder eiligst zum Weitergehen zu veranlassen. Sie aber, glücklich, der Schule entronnen zu sein, durch eine Freistunde mit überflüssiger Zeit beschenkt, dachten so recht, diese Gelegenheit zu genießen. Bald fing das übliche Geplänkel an, die Sucht, sich großzutun und aufzuschneiden. Es wurde gefragt, wer noch so malen könne und dergleichen.

Da sprach ein wohl neunjähriger strammer Junge zu mir: „Na ja, was Sie malen, ist ja auch ganz schön, aber was der Herr Kiefer hier früher gemalt hat, das war doch noch vieeel schöner."               

Es entstand ein betretenes Schweigen bei seinen Kameraden, denn einige hatten mich inzwischen erkannt. Ich antwortete sehr ernst: „Ja, ja, der Maler Kiefer, den kenne ich sehr gut," und lachte dann aus vollem Halse. Der Junge war vor unserem Wegzug aus dem Haus im Mühlengrund zu klein gewesen und hatte mein Aussehen vergessen. Tuschelnd von seinen Spielgefährten unterrichtet, wer ich sei, drückte er sich aus dem Zuschauerkreis, um dann in schnellem Lauf davonzurennen, so seiner Scham vor den anderen zu entgehen.

Ich aber schaute ihm lustig winkend nach, der mich als so besseren Maler in seiner

Erinnerung bewahrt hatte, als ich wohl je gewesen bin.            

 

Bilderpreise

Kam da ein Bauersmann zu mir, als ich malte, und schaute zu. Er war so in Betrachtung versunken und tunkte mit seiner Nase vor meinem Pinsel herum, daß ich mich wegen seiner zu nahen Teilnahme von Zeit zu Zeit räuspern mußte, was ihn jedesmal aufschrecken ließ. Er wich dann für wenige Sekunden in respektvollere Entfernung zurück und entschuldigte sich mit den Worten: „Wenn ich das Bild so betrachte, ist es doch nur eine einzige Kleckserei, aber von weitem sieht man schon, was es werden soll. Was malen Sie denn eigentlich? Ist das Bild bestellt oder nur so zum Vergnügen? Sie sind wohl Landwirtschaftsmaler?"

So sprudelte seine Wißbegier aus ihm heraus. Dann schwieg er eine Weile, nachdem ich ihm alles erklärt hatte.                                                          

Bald aber hatte er noch eine Frage auf der Zunge. „Na," sagte er listig, „wenn ich mal ein Bild bei Ihnen bestelle, ob Sie mir's ausnahmsweise zum Selbstkostenpreis ablassen? Ich hätte schon lange mal ein Bild von unserem Hause."

Da sagte ich ihm: „Nun, dann käm ein Bild in Aquarell 3,50 DM - 3,00 DM das Papier, 40 Pf die Farbe und 10 Pf die Zigarette, daß es gut gelingt."

Da verschwanden seine Augen im runden Gesicht, und er meinte, so billig hätte er es wohl nicht gedacht, ich hätte ja auch die Arbeitszeit vergessen.

„Na," sagte ich, „zum Selbstkostenpreis ist immer ohne Arbeitszeit, die brauche ich ja nicht zu bezahlen."        

Darauf meinte er „Ich würde schon ein paar Mark zulegen. "Sie würden's schon zufrieden sein," und legte mir eine Zigarette als Anzahlung und für's Zugucken auf die Staffelei.

Wie war er aber erstaunt, als ich ihm von Bildern erzählte, die so teuer waren, daß sie niemand bezahlen könnte, wie Gemälde von Rembrandt, Dürer und Leonardo z.B.

Das wollte mir der Bauersmann nicht glauben: „Da hätte diesen Malern ja niemand Bilder abgekauft, wenn sie niemand bezahlen konnte. Wovon sollen sie denn da gelebt haben? Nein, so ein Bild wäre ja ganz schön, aber ein Pferd, ein Haus oder ein neuer Rock wären wohl viel wichtiger und das Geld für ein Bild zu schade."

Nun sagte ich: „Wenn es keine Künstler gäbe, wäre die Welt wohl so arm, daß man auf ihr nicht leben wollte. Ohne Musik, ohne ein Buch ohne ein großes Bauwerk kann man sich unser Leben doch nicht denken."

Das sah er bald ein und meinte: „Zu den Preisdrückern möchte ich ja auch nicht zählen, so viel Geld habe ich nicht und da muß ich's wohl mit dem Bilde bleiben lassen."

Und er entfernte sich nachdenklich und kopfschüttelnd.

 

Der kleine Bilderkäufer

Meine Frau, die in der großen Notzeit nach dem Kriege die Lebensmittel und Butter, wenn sie der Konsum im Ort nicht hereinbekam, außerhalb besorgen mußte, kam einmal aus Masserberg nach vielen Stunden Weges zurück und erzählte, wie sie durch alten Buchenwald die romantischsten Waldwege geklettert wäre und wie sehr sie die herrliche Aussicht auf  den uns unbekannten Ort belohnt hätte, der nichts von der Armut unseres Thüringer Walddörfchens besäße, in dem wir damals wohnten. Ich müßte diese schöne Gegend kennenlernen, und sie würde mich begleiten, um mir das Malgepäck tragen zu helfen.

 

An einem sonnigen Tage ging es also früh los. Unterwegs fanden wir einen riesigen, wohl ein Pfund schweren Parasolpilz und freuten uns ob des unerwarteten Geschenks der Natur. Der Buchenwald war ein grüner, lichter Dom mit seinen hohen Stämmen, der Weg bot immer neue Überraschungen für das Auge. Es rieselte und sprudelte von den Bergen, wenige Balken über rasch fließende Bäche waren zu überqueren.

Nach längerem Marsch breitete sich ein Hochplateau vor unseren Augen aus, auf dem das schmucke Dorf lag. Jeder Blick hätte sich als Motiv gelohnt. Ich wollte keine Zeit verlieren, frisch entschlossen baute ich meine Staffelei auf, währenddessen meine Frau auf einer Decke sitzend einen Pullover für eines der Kinder strickte.          

 

Der späte Vormittag war still und feierlich.

Ein kleiner Junge, der mich entdeckt hatte, kam schüchtern in Reichweite, hielt sich aber ängstlich in einiger Entfernung. Ich ermunterte ihn, sich das entstehende Bild richtig anzusehen und bald waren wir beide in einem richtigen Fachgespräch. Er erzählte, daß er auch gern male, aber so ein schönes Bild hätte er noch nicht gesehen.

Als ich bedächtig vor ihm das Bild zu Ende malte, kam er so in Begeisterung, daß er schnell zu seiner Mutti laufen wollte, um sie zu holen, damit sie das Bild für ihn kaufe.

Da unser Geldbeutel in dieser armen Waldgegend meist leer war, so hinderte ich ihn nicht an seinem Vorhaben, sondern wartete der Dinge, die da kommen sollten.

Bald erschien eine gut gekleidete, respektgebietende Dame, eine Berlinerin, wie es sich ergab, die im Krieg mit ihrem Jungen nach hier verschlagen worden war, begrüßte uns freundlich und sagte: „O, da hat doch mein kleiner Sohn keinen üblen Geschmack, ich wollte immer als Andenken ein Bild von dieser schönen Landschaft haben, ich möchte es wirklich gern kaufen, wenn es erschwinglich ist."

Wir einigten uns schnell über den Preis. Ich brachte das frische Bild nach wenigen notwendigen Pinselstrichen zu ihr ins Haus. Sie hatte den Betrag ja nicht bei sich. Dort wurde mir noch eine kostbare Packung Zigarren, die damals so rar waren, in die Hand gedrückt. Wir verabschiedeten uns fröhlich und traten darauf unseren Heimweg an.

 

Eine seltsame Liebeserklärung

„Ein Maler! Ein Maler!" riefen zwei Kinder und liefen ihrer Mutter voraus, die langsam einen Kinderwagen schob.

Ich war zeitig an die Oderwiesen geeilt und malte vom Oderdamm aus neben dem Zoo von Breslau die herrliche Landschaft vom Strom, den ich von Herzen liebe. Von weitem riefen die Sirenen der Dampfer, die aus dem Morgendunst verschwimmend hauchzart zu sehen waren.

Wie froh war ich, daß bisher mich kaum ein Spaziergänger entdeckt hatte.

Die angekommenen kleinen Zuschauer aber stellten sich direkt vor meine Nase und wollten gleich mit meinen Pinseln und Farben spielen.                          

Ich sah recht unwillig zu ihrer Frau Mama hinauf, denn beim Malern muß ich sitzen.

 

Zu meinem Erstaunen bereitete die Frau für sich und ihre Kinder einen Rastplatz mit einer Decke in unmittelbarer Nähe vor. Wenn ich beim Malen aufblickte, traf mich ihr Blick, der mir voller Interesse zuschaute, doch nichts erkennen konnte, dazu war ihr Sitzplatz doch zu weit entfernt.

Ich wollte mich in meiner Arbeit nicht stören lassen und bat die Frau, ihre Kinder bei sich zu behalten, weil ich ja schließlich nicht durch sie durchgucken könne.

Es vergingen vielleicht 20 Minuten, da bat mich die Frau um ein Stück Papier und einen Blei. Nun dachte ich, sie wolle auch etwas zeichnen oder ihren Kindern etwas vormalen. Aber wie erstaunte ich, als sie mir nach 10 Minuten das Papier sauber gefaltet von ihrem Kinde überreichen ließ, das wohl einen Brief darstellen sollte.

 

Und ich las folgendes:              

 „Lieber Maler!

Du tust mir so leid, daß du so alleine malen mußt! Ich möchte dich lieb haben. Wenn du

willst, kann ich deine Frau werden.

Bitte bald Antwort."         

 

Erschrocken deutete ich auf meinen Ehering und sagte, ich habe selbst drei Kinder und sich

wegen ihr scheiden lassen, hätte ich wirklich keinen Grund.

 

Worauf sie laut schluchzend mit ihren Kindern aufbrach und meinen Blicken entschwand.

 

 

Der Spion

Eine Kollegin, eine bekannte Bildhauerin, hatte mich auf ihr Gut eingeladen. Ich war im Gesellschaftsanzug gefahren, weil abends Besuch erwartet wurde, und lieh mir von ihrem Verwalter eine alte Joppe, die mir reichlich groß war, um im herrlichen Zobtengebirge für sie ein Bild zu malen.

In meine Arbeit versunken merkte ich nicht, daß ich von mehreren Erwachsenen, die auf dem Bauch herangekrochen waren, umstellt war, bis plötzlich ein Mann aufsprang, mich an der Schulter packte und barsch fragte, was ich hier zu verrichten hätte. Er forderte meinen Ausweis, den ich leider im Jackett meines guten Anzugs unten im Gut vergessen hatte.

Sofort stieg der Mut des Mannes, der von zwei weiteren Personen unterstützt wurde..

Meine beste Verteidigung bestand erstmal darin, sie tüchtig auszuschimpfen, was sie sich erlaubten, mich bei meiner Malerei zu stören und was sie auf dem Grundstück der Frau von Phillipsborn zu suchen hätten.

Da kam ich aber schlecht an. Einer wollte mein Malgepäck konfiszieren, der andere die Polizei holen.                           

Ich schlug ihm vor, lieber sich bei Frau von Phillipsborn über mich zu erkundigen.

Inzwischen war auf den Ruf: „Ein Spion!" ein Motorradfahrer den Berg hinaufgefahren. Dieser wurde in den Ort geschickt, um mich abholen zu lassen, währenddessen die Schar Männer mich weiter festhielt.

 

So verging wohl eine Stunde, die mir zur Ewigkeit wurde, Wo war nur der Motorradfahrer

geblieben? War er verunglückt?         

             

Laut schnaufend erkannte ich ihn ohne Motorrad wieder, wie er mit einem großen Korb bewaffnet den Berg heraufklomm, hinter ihm Frau von Phillipsborn, die ihn warten ließ, bis das Mittagsmahl fertig war, das er zur Strafe für sein Mißtrauen schleppen mußte.

Wie beschämte Hunde schlichen die Spionfänger davon.

 

Der malende Knecht

An einem Sonntagmorgen saß ich am Rande einer Sandgrube, deren Hänge von uralten Bäumen bestanden waren und malte. Der Platz war abseits jeden Verkehrs gelegen, so daß ich still und ungestört war.                              

Plötzlich schreckte mich ein wütendes Gebell auf. Ich ergriff einen Hocker, um meinen Angreifer abwehren zu können, falls ein Hund, wie es den Anschein hatte, mich von oben anspringen sollte, war aber erstaunt, einen Rehbock abstreichen zusehen.

Nach einer Weile fühlte ich mich von hinten beobachtet, drehte mich unwillkürlich um und gewahrte einen sonntäglich gekleideten Mann mit seinem Kinde an der Hand, der mir von oben aus zuschaute.

Auf meine Frage, wie lange er schon dastünde, antwortete er, ich wäre so in meine Arbeit vertieft gewesen, daß er wohl bald eine Stunde zugeschaut hätte, ohne daß ich seiner gewahr geworden wäre.
                                               

Ich bewunderte das kleine Mädchen, daß sie so lange still gehalten hatte, ohne mich zu stören und daß er selbst so lange zuschauen konnte, ohne sich bemerkbar zu machen.

 

Er kam nun von seinem erhöhten Standpunkt zu mir heruntergeklettert und bald waren wir in ein lebhaftes Gespräch versunken, wodurch ich erfuhr, daß er selbst male, leider aber durch seine Tätigkeit als Knecht im Dominium des Ortes wenig Zeit für sich finde.

Er besaß den echt schlesischen Namen Knietsch und war ein sauberer, gütiger Mensch von erstaunlich gutem Benehmen und Feingefühl. Er lud mich nach Beendigung meiner Arbeit zu sich ein, um mir seine Bilder zu zeigen.

 

Ich betrat im Dorf ein Häuschen, das vor Sauberkeit blitzte und betrachtete an den Zimmerwänden seine Ölgemälde, die, da er Autodidakt war, das Rührende der Laienmalerei aufwiesen, jedoch trotz technischer Hilflosigkeit etwas durchaus Bestechendes besaßen.

Es war ein schöner Spätnachmittag. Wir unterhielten uns vor dem Hause auf einer Bank, vor die Herr Knietsch einen Tisch stellte und mich mit einem guten Kaffee von seiner Frau bewirten ließ. Die noch junge Familie war in ihrer schlichten Sauberkeit so anziehend, daß ich Herrn Knietsch ermunterte, nächsten Sonntag mit mir gemeinsam eine Maltour zu unternehmen, was ihn sichtlich begeisterte, jedoch aber auch einschüchterte, weil er nicht gewohnt war, im Freien zu arbeiten und dazu in Gesellschaft eines Berufsmalers.

 

Der Sonntag kam heran. Es war ein herrlicher Tag. Wir fuhren in eine liebliche Gegend und hatten bald ein lohnendes Motiv entdeckt, wo wir uns mit Hocker und Staffelei aufbauten. Ich riß mit wenigen Strichen die Komposition des Motives vor, zeigte ihm, wie weit er den Ausschnitt günstigsterweise wählen müsse und begann bald mit Spachtel und Farbe.

 

Meinem neuen Freunde schlug sein Herz wohl zu gewaltig vor Schüchternheit, daß er, statt selbst zu malen, auf mein begonnenes Werk starrte und die Spachtel bewunderte, die nach seiner Ansicht des Rätsels Lösung für das Gelingen bewirkten. Daraufhin ergriff ich seine Pinsel und borgte ihm die Spachtel, zeigte ihm deren Gebrauch und malte aber mit seinen Pinseln weiter. Er geriet beim Arbeiten aber so ins Gedränge und verdammte wahrscheinlich im Inneren längst seinen Wagemut mit mir zu malen, daß ich ihm sehr herzlich zureden mußte, die Flinte nicht ins Korn zu werfen und sich ganz auf sein Bild zu konzentrieren.

 

Er aber wurde immer unglücklicher, je mehr mein Bild Form und Gestalt annahm, daß ich, um sein Selbstvertrauen zu stärken, ihm beistand und mit wenigen Strichen das Motiv andeutete, so daß er in seinem Bilde eine Grundlage hatte, um sich in die Landschaft einzusehen.        

Seine Verwirrtheit legte sich auch bald und er arbeitete tüchtig darauf los und übermalte in seiner Art meine Korrektur so, daß nichts mehr davon sichtbar war, jedoch eine etwas romantisch bewegte Landschaft hervortrat, die ihn sichtlich befriedigte.

Zum spät festgesetzten Mittagessen trafen wir in seinem Häuschen ein. Ich verbrachte einen Abend mit Gesprächen über das Wesen der Malerei bei ihm und übernachtete, da es Ostern war, mit ihm zusammen im Ehebett, währenddessen seine Frau im Kinderzimmer schlief.

 

Es waren reizende Menschen voll Güte und in ihrer stillen Selbstverständlichkeit und Sicherheit wohl zu leiden. Herr Knietsch, von mir nach Breslau zum Gegenbesuch eingeladen, erschien an einem Sonntagmorgen mit einem großen Eimer Johannisbeeren und betrachtete mit viel Verständnis meine Bilder. Er aß bei uns zu Mittag. Es wurden weitere Malausflüge verabredet, wovon ich nur noch einen im Gedächtnis hatte, der in ähnlicher Weise wie der erste verlief. 

 

 

Der Kunstfreund

Ich saß an einem sehr heißen Tage am Wege einer großen Wiese; die blühenden Schlehenbüsche grenzten an uralte, mächtige Balsampappeln, die einen Villenvorort Breslaus verdeckten.     

Es war ein großes Ölgemälde, das ich im Wesentlichen an einem Tage fertigbringen wollte. Ich hatte die Leinwand mit einer ausgeklügelten Vorrichtung so ans Fahrrad befestigt, daß das Bild auch in frischem Zustand nicht verschmieren konnte.

Meine Malutensilien lagen um mich herum, ich arbeitete mit viel Freude und sehr rasch, als ich einen dicken, wohlgekleideten Herrn über die Wiese stapfen sah, die ich zu betreten vermieden hatte, denn das Gras stand vor dem ersten Schnitt. Ich sah also ziemlich verärgert auf den Ankömmling, da ich sorgte, daß mich der Bauer, dem die Wiese gehörte, für diesen Frevel verantwortlich machen würde.

Der kugelrunde Herr aber strahlte so übers ganze Gesicht als er zu mir trat, daß ich ihn nicht verletzen wollte und meinen Unmut herunterschluckte.

Hinter mein Bild tretend rief er aus: „Endlich, endlich ein Maler! Wie oft dachte ich bei dieser schönen Baumgruppe, warum diese nie festgehalten würde!" Er besah sich die Arbeit, die noch recht unvollständig war und erklärte mir, wieso er den Mut zur Störung aufgebracht hätte. Er hätte von seinem Hause aus beobachtet und der Neugier nicht widerstehen können.

 Er besäße eine große, sehr wertvolle Kunstsammlung, so daß er, da er sich seit seiner Jugend mit der Malerei beschäftige, wohl ein Bild in seiner Qualität beurteilen könne. Nach einer kurzen Unterhaltung verließ er mich wieder, den gleichen Weg nehmend, den er gekommen war.  

Ich dachte schon lange nicht mehr an ihn, als zur glühendheißen Mittagsstunde der Herr wieder erschien, und wie erstaunte ich, daß er ein Tablett mit erfrischendem Kompott und eine Terrine voll gutem Mittagessen, Serviette und Tellern trug und vor mich hinstellte, mich mit einer freundlichen Gebärde zum Mahle einladend.

Nachdem ich in seiner Gegenwart die Mahlzeit genossen hatte, verschwand er mit der Bitte, ihm meine Arbeit nach Beendigung zu zeigen und beschrieb mir sein Haus.

Ich war sehr erschöpft, als die Arbeit getan war und sehnte mich danach, bald nach Hause zu können.                                 

 

Wie erstaunt war ich indessen, als ich bei dem neu erworbenen Kunstfreund ein prachtvolles Haus betrat, das mit bemerkenswerten Kunstwerken vollgestopft war. Der freundliche Herr war ein noch freundlicherer Gastgeber. Er lud mich zu einer Flasche Wein und einem Abendbrot ein, das köstlich mundete. Seine Frau war gerade verreist, ein dienstbarer Geist versorgte uns prachtvoll.

Wir waren bald mitten im Fachsimpeln, als er mich fragte, wie teuer ich wohl das heutige Bild verkaufen würde. Ich nannte einen bescheidenen Preis, den er für zu niedrig erklärte und er riet mir, auf Ausstellungen den Preis um das Zehnfache zu erhöhen und bewies mir, daß eine gute Arbeit erst dann Aufsehen errege, wenn der Preis ihrem Wert entspräche und dem Käufer die Qualität der Arbeit verrate.

 

Ich war so skeptisch seiner Ansicht gegenüber, daß er versprach, mir das Bild zum vorgeschlagenen Preise zu erwerben, falls ich es nicht auf der Ausstellung an den Mann brächte. Er riet mir weiter, das Bild sehr kostbar rahmen zu lassen.

 

Wochen waren vergangen, eine große Kunstausstellung stand im Museum bevor. Herr B. rief mich vorher an und fragte ob ich seinen Rat befolgt hätte.

Wie war ich beim Eintritt zur Eröffnung der Ausstellung verwundert, als ich an fast allen meinen Bildern ein Kärtchen mit den Worten „Verkauft" geheftet sah.  Herr B. hatte mir also richtig geraten.                           

Am gleichen Tage besuchte mich ein Kunsthistoriker, der für eine Kulturzeitschrift über mich einen Artikel schreiben wollte, der bald danach mit vier Wiedergaben in schwarz-weiß und einer farbigen Reproduktion erschien. Der Rundfunk brachte ein Interview mit mir.

Die Käufer meiner Bilder waren hohe Staatsstellen, wie Regierungspräsident, Oberbürgermeister und verschiedene Ministerien gewesen. Ein exklusiver Künstlerklub bemühte sich um meinen Beitritt.  Ich wurde in ein großes Atelier nach Münsterberg eingeladen, das mir mit kleiner Wohnung für einen Monat übergeben wurde. Dort malte ich viele Bilder, die in einer Sonderausstellung im Museum der bildenden Künste in Breslau gezeigt wurden.

Meinem Kunstfreund B. schenkte ich aus Dankbarkeit für seinen Rat ein Landschaftsbild, das ihm sehr viel Freude bereitete.                                

Sein schöner Kunstbesitz aber, den er im Kriege in großen Kisten verpackt in eines seiner Sägewerke, die er an der polnischen Grenze besaß, ausgelagert hatte, fiel wahrscheinlich dem Kriege zum Opfer. Von ihm selbst habe ich nie wieder etwas gehört.

 

 

Erlebnisse mit Bauern

Als der Krieg uns aus der Heimat vertrieben hatte, war für uns eine schwere Zeit des Hungerns angebrochen.

Mühsam schleppte ich mich nach den umliegenden Dörfern einer kleinen vogtländischen Stadt, um etwas Eßbares aufzutreiben. Ein einziges Parterrezimmer behausten wir dort, denn von Wohnen konnte dabei nicht die Rede sein. Wir schliefen zweistöckig übereinander.

Ich versuchte so oft vergeblich, für ein paar Pfund Kartoffeln oder Mehl im Tauschwege den Bauern ihr Gehöft abzumalen. Dieses Mal aber wollte sich kein Glück bei mir einstellen. Zu viele Städter kamen in die Gehöfte, meist an verschlossene Türen. Es zog täglich ein Menschenstrom durch die Dörfer und versetzte für ein Butterbrot seine entbehrliche Habe.

Ich hatte in der Hoffnung, etwas Eßbares aufzutreiben, nichts mitgenommen. Mir rumorte so der Magen, daß ich beherzt in eine rohe rote Rübe biß, die ich in einer Gastwirtschaft geschenkt erhielt. Da ich kein Messer besaß, spülte ich sie mir notdürftig an einem Bach ab. Die Sonne brannte, der Saft der Rübe zog allen Speichel im Munde zusammen, der Durst quälte meinen Gaumen.

 

Den ganzen Tag zog ich erfolglos in den Dörfern umher. Ich war so erschöpft und entkräftet, daß ich am späten Nachmittag umkehrte. Mich packte die Verzweiflung, weil ich mit leeren Händen heimkommen sollte, daß mir vor Schwäche die Tränen vorquollen.

 

Wozu sollte ich noch nach Hause gehen, da alle Mühe zwecklos schien?  

Durch verschleierte Augen erblickte ich ein reizendes Tal mit Gehöften und Bäumen, Feldern und Wiesen. Die schon rötliche Abendsonne verzauberte die Welt.

Noch einmal wollte ich, wenn nicht für andere, dann für mich selbst, in der Kunst Vergessen suchen.

Ich setzte mich an den Rand eines Straßengrabens und begann zu malen. Vor mir lag ein Berghang mit Wald, Äckern und Scheunen, helle Feldwege durchschnitten das Land, alles vergoldete die abschiednehmende Sonne, die die höchsten Punkte noch hell beleuchtete.

Ich war so ins Malen versunken, daß ich erst spät das Nahen eines Fuhrwerkes bemerkte. Ein Bauer führ einen Jauchewagen über den Acker. Er blinzelte, sich zur Seite neigend, mir zu und wollte wohl zu gerne wissen, was ich dort so eifrig vorhätte.                        

Ich rief ihm zu: "Fürchten Sie sich nicht. Schauen Sie lieber mal her, wenn Sie Kunst so interessiert!"

Ich hatte gespürt, daß hier ein Köder auszuwerfen war, der mir vielleicht doch Rettung bringen könnte.

Der Bauer hatte es aber eilig, er wollte noch vor Abend die Jauche auf das Feld fahren und rief mir zu: „Wenn ich wieder vorbeifahre, sehe ich mir's an!"

Ich war längst fertig, als er wiederkam, trödelte zum Schein und machte hier und da eine nicht notwendige Korrektur.

Richtig! Der Bauer stieg ab von seinem Sitz, kam schwerfällig zu meinem Platz, sah das Bild, staunte und sagte: „Da haben Sie ja wahrhaftig meine Feldscheune und meine Äcker mit druffe."

„Ach," entgegnete ich, „das ist Ihre Scheune! Die hat mir gleich gefallen! Wenn Sie etwa das Bild haben wollen. Sie können es billig bekommen, wenn Sie mir etwas zu Essen für die Familie einpacken!" Damit zeigte ich meinen leeren Rucksack.

„Na ja, warum nicht," sagte er. „Packen Sie Ihre Sachen zusammen, auf dem Rückweg nehme ich Sie mit!" Ach, war das eine Freude für mich! Ich jubelte im Inneren.

Bald saß ich auf dem Kutschbock und fuhr in ein prachtvolles, altes Gehöft ein. Riesige Linden standen ums Haus. Freundlich fragte mich der Mann, ob ich schon Kaffee getrunken hätte. Als ich verneinte, lud er mich dazu ein. Eine etwas grämliche Alte stellte Tassen und einen großen Teller Kuchen und Butterbrot auf den Tisch, mich argwöhnisch betrachtend, was wohl ihr Mann mit mir vorhätte. Er aber schwieg. Nach dem Mahl, das meine Lebensgeister weckte, erbat er sich den Rucksack, schüttete ihn voller Körner und verabschiedete mich, weil die Zeit fürs Vieh gekommen sei.

Er schloß mir das Tor auf, welches in dieser Notzeit der letzten Kriegstage meist verschlossen gehalten wurde. Ich zeigte ihm die Schönheit seines Anwesens und lobte es, ihm sagend, daß ein Bild von seinem alten Haus mit den herrlichen Lindenbäumen ein einzigartiges Gemälde abgeben würde. Er verstand mich bald. Ich verabredete Tag und Stunde, wann ich zu ihm kommen würde, um dieses Motiv festzuhalten. Selig trat ich den Heimweg an.

Die Körner durch die Kaffeemühle gedreht, waren bald die Grundlage wohlschmeckender Morgen- und Abendsuppen und reichten bald drei Wochen.

 

Als ich wieder im Dorf erschien und an das Tor des Bauern klopfte, schrie mir die Alte entgegen, ich solle mich packen, der Bauer wäre in Plauen zum Feuerlöschen. Der Wisch, damit meinte sie das Aquarell, läge auf dem Schranke, den könne niemand fressen. Ich sollte ja nicht wagen, herzukommen und dergleichen, Ich bat die Frau, mir das Aquarell für 100 Mark zurückzugeben.  

Nun wurde sie wie toll und erklärte, daß ich ihr nicht einreden könne, daß der Fetzen Papier Wert besäße. Er gehöre ihnen, rief sie  und schlug mir die Tür vor der Nase zu.

 

 

„Heinz, geh zum Müller!"

Wie so oft in den schweren Hungerwochen strich ich durch das Land mit Malgepäck bewaffnet, um durch meine Kunst Brot oder Kartoffeln zu erwerben. Von einer Landstraße aus sah ich in ein Gehöft, das an einem rasch fließenden Bach lag.

Zu viele Enttäuschungen ließen mich auf den Gedanken kommen, nicht erst den Bauern zu fragen, ob ich sein Besitztum malen solle, sondern ihn gleich mit einem fertigen Bilde zu überraschen und ihn dadurch eher zu bewegen, es mir gegen Lebensmittel abzunehmen.

Ich malte also erst ein Bild von seinem Hause und betrat nach gelungener Arbeit sein Anwesen. Ich erstaunte, als ich sah und an den Geräuschen von Maschinen entdeckte, daß es eine alte Wassermühle war, die ich betrat

Hundegebell lockte den Müller heraus. Ich zeigte ihm das Bild und bot es ihm zum Tausch an. Er zeigte sich freundlich und fragte mich, wann ich das Bild gemalt hätte. Als er erfuhr, daß es eben erst entstanden war, rief er seine Frau, zeigte es ihr und wollte wissen, ob es ihr gefiele. Danach fragte er, ob ich einen Sack für Mehl bei mir hatte, was ich leider verneinen mußte, da ich mit solchem Glücksfall nicht gerechnet hatte. Daraufhin lieh mir der Müller einen Sack für vielleicht 5 bis 10 Pfund, füllte ihn mit bestem Mehl, holte ein großes Bauernbrot aus dem Hause und half mir, alles in den Rucksack zu stecken. Glücklicher als ein König verabschiedete ich mich von dem guten Manne.

Welche Freude war zu Hause, als ich so vollgepackt heimkehrte und solche Kostbarkeiten auspacken konnte.    
               

Doch ewig reicht nichts.         

Nach wenigen Wochen war der für eine große Familie doch bescheidene Vorrat verbraucht. Bald hieß es: „Heinz, geh zum Müller!"

Schweren Herzens zog ich los, denn es war mir peinlich, seine Güte zu sehr zu beanspruchen. Diesmal suchte ich einen entfernteren Punkt, um das Gehöft des Müllers inmitten der schönen Berglandschaft festzuhalten. Nach Beendigung des Bildes betrat ich klopfenden Herzens, bangend, wie es diesmal ausgehen würde, die Mühle. Meine Frau hatte vorsorglich Mehlsäcke für größere Mengen genäht, als sie wohl je in diesen Hungerzeiten beherbergen wurden. Die geliehenen Säcke waren längst bei einem Bäcker abgegeben, wie es vereinbart war.

 

Kaum hatte mich der Müller entdeckt, verschwand er in der Mühle. Hastig folgte ich ihm, er aber tat so, als würde er mich nicht sehen. Ich trat höflich grüßend zu ihm. Kurz erwiderte er meinen Gruß und wollte nicht auf das neue Bild schauen, das ich ihm vor die Nase hielt. Ein Blick darauf aber besänftigte ihn schnell und er fragte: „Heute haben Sie wohl keinen Sack vergessen?" Ich holte das Monstrum hervor, worüber er lachend meinte: „Na, den Boden davon voll wäre wohl genug und verschlingt schon einen ganzen Haufen Mehl."

Ach, wie erlöst war ich, als er die Mehlschaufel holte und einige Kellen in den Sack schüttete. Doch diesmal sagte er: „Kommen Sie nicht mehr wieder! Ich darf es nicht, es ist das letzte Mal!" Ich erklärte ihm, daß mich nur die Not dazu triebe und ein gutes Bild wohl mehr wert wäre als vier Schaufeln Mehl. Der Müller entließ mich mit dem Große: „Ach, hol Sie der Teufel, es geht nicht mehr!"

Doch ewig reicht nichts.

Bald hieß es wieder: „Heinz, geh zum Müller!"

Ich sagte, ehe ich das täte, möchte ich mich lieber hängen lassen. Doch konnte ich nach

wenigen Tagen den Bitten nicht widerstehen, die Not war auch bald wieder zu groß.

Wie sollte es wohl diesmal ausgehen?                         
Ich hatte kleine Blumenbilder gemalt und rahmen lassen. Davon steckte ich mir zwei ein und begab mich schweren Herzens auf den Weg zum Müller. Meine Beine gingen immer langsamer und waren am Boden vor der Mühle wie festgeklebt.

Der Müller aber glaubte, ein Gespenst zu sehen, als ich zu ihm trat. Er schnauzte nur: »Dieser verfluchte Maler bringt mich noch ins Loch!"                             
Das Blumenbild stand schon auf dem Platz, wo er wohl die Listen ausfüllte und der mit Schreibkram bedeckt war, ehe er sich versah. Ich stotterte vom Geburtstag seiner Frau, als echter Kavalier müsse er doch Blumen schenken, diese aber blühten ständig und zeigte auf mein kleines Bild.

Er grollte nur noch: „Her mit dem Sack!" und füllte ihn diesmal so knapp, daß das obere Ende nur schlapp herumschlotterte. Diesmal ermahnte mich der Müller eindringlich, seine Gutmütigkeit nicht auszunützen und es nicht auf die Spitze zu treiben. Ich schlich wie ein begossener Pudel davon. Der einzige Trost war mir der Gedanke an zu Hause.

Doch ewig reicht nichts!                              .

Leider nichts auf der Welt. Bald hieß es wieder „Heinz, geh zum Müller!"

Wie ich auch schimpfte, es nutzte alles nichts. Die Not stieg uns über den Kopf. Ich ging.

Wie ich dort hinkam, weiß ich nicht mehr, die Beine versagten ihren Dienst. Ich wankte

wohl nur noch. 

 

 

Ich hatte diesmal ein Kinderportrait im Rucksack. Unsere Ute war etwas über ein Jahr und sah mit ihren sprechenden Augen reizend aus. Sie war mir wohl gelungen. Diesmal beschwor ich den Müller, sein süßes Töchterchen malen zu lassen, er aber lehnte hartnäckig ab. Er blickte sich das Portait gar nicht erst an.    

 

Ich lief zu seiner Frau, zeigte ihr das Bild. Sie hatte den Stubenmaler im Zimmer, alles stand drunter und drüber. Sie wies auf die Unordnung - es gehe jetzt nicht!  Ich hielt das Bild an die Wand, es sah darauf nett aus. Sie sagte nur, wenn der Müller es nicht nehmen kann, kann er's wirklich nicht, ich müsse ein Einsehen haben.

Ich trat ganz verzweifelt aus dem Haus. Eine alte Frau winkte mir. „Hat Ihnen der Geizkragen nichts gegeben?“ fragte sie. Ich sagte: „Nein, geizig ist der Müller nicht, er kann es nicht mehr!" Da lachte die Alte höhnisch auf, forderte meinen Rucksack und meinte: „Ich kann Ihnen nur Kartoffeln geben."

„Kartoffeln?", rief ich, „das ist ja herrlich“ und schnallte meinen Rucksack ab. Mit 30 Pfund Kartoffeln trat ich den Heimweg an, leichter, als ich es je erwartet hätte.

Den Müller aber segnete ich im Stillen.

 

Papirossi

Nach dem Einzug der Amerikaner, besser: kurz davor, wurden die Gefangenenlager und Arbeitslager aufgelöst. Ihre Insassen, glücklich der gewonnenen Freiheit, zogen bald im Land umher und versuchten genauso wie die hungernden Städter, ihren Küchenzettel durch Hamsterei beim Baueren zu bereichern.

An einem sonnigen Frühlingstag war ich wieder mit meinen Malsachen unterwegs, als ich auf einem Bergpfad einem riesenhaften „Mongolen" begegnete, Zur Rechten fiel der Berg m einen steilen Abgrund hinab, in dem ein Bergbach sprudelte. Zur Linken stieg der Berg fast senkrecht mit Felsengestein hinauf, so daß ein Ausweichen vor dem Ankommenden unmöglich schien, zumal der auf seinem breiten Rücken einen schweren Sack querüber trug.

Als der „Mongole" meiner ansichtig wurde, gewahrte er die Schmalheit des Pfades, setzte seinen Sack ab, um mich vorüber zu lassen. Begreiflicher Weise scheute ich die Begegnung, die in aller Einsamkeit erfolgte, dessen gedenkend, was wohl der Mann im Kriege erfahren hätte, und kaum glaubhaft haltend, daß er ein freundlicher Zeitgenosse sein könnte.

An eine Umkehr war aber nicht zu denken, klopfenden Herzens stand ich bald vor ihm und wollte meine Angst unter den Worten verbergen, indem ich auf den Sack wies und ihn fragte, was er im Sack hätte. Da sprach er voll Stolz: „Kartoffeln!" „Oh," sagte ich, „wir haben keine einzige Kartoffel, alle hungern, ich, meine Frau und die Kinder," und zählte ihm die Größe der Familie an meinen Fingern vor.

Er sagte: „Verstehen. Du Kartoffeln haben." „Ach," sagte ich, „du willst mir Kartoffeln abgeben? Was willst du dafür?" Da sah er mich mit leuchtenden Augen an und meinte: „Du mir geben Papirossi." Gleich zückte ich ein Tabakspäckchen, das ich bei mir trug. Da fragte er weiter: „Du haben Papier?" Ich verneinte tiefbetrübt, zog aber eine alte Zeitung aus der Jackentasche. Er sagte vor Freude: „Gib her!" und er griff nach Tabak und Zeitung, riß einen Streifen sorgfältig ab, drehte geschickt eine Zigarette, das Mundstück etwas kneifend. Ich bot ihm Feuer, stopfte selbst meine Pfeife und rauchte sichtlich befreit meine Piepe, wie er seine Zigarette. Ich schüttete ein größeres Stück Zeitung voll Tabak und überreichte ihm diesen.

 

Daraufhin schnürte er seinen riesigen Kartoffelsack auf, ließ mich den Rucksack abschnallen und füllte ihn mir mit seinen großen Händen, die gut geratenen Kartoffeln greifend, als wenn es Haselnüsse wären, immer gleich zehn bis fünfzehn auf einmal. Ich mag wohl ein so strahlendes, glückliches Gesicht gemacht haben, daß er bestimmt mehr in meinen Rucksack hineinbeförderte, als er die Absicht gehabt hatte. Ich konnte nicht anders, klapste ihn auf die mächtige Schulter und sagte: „Russki mein Freund!“ und half ihm, seinen Kartoffelsack aufzunehmen.                             

Er nickte mir nochmals zu, als ob es das selbstverständlichste Geschäft der Welt gewesen wäre und verschwand bald hinter einer Felsenecke. Ich aber, vor Freude und Glück, lief den Berghang weiter, am Ende desselben einen Winkel wie ein Hase einschlagend, denn ein schmaler Weg stieß im Tal mit dem Bergpfad im spitzen Winkel am Grunde zusammen und führte mich in kurzer Zeit meinen Lieben zu, die den Mund aufrissen, als sie mich schon nach so wenigen Stunden mit Erfolg zurückkehren sahen.

Ich pries die Güte dieses unbekannten Fremdlings und bewahre ihn noch heute in bester Erinnerung.

 

 

Die provisorische Malhütte

Im Jahre 1953 war ich im Dezember in Berlin, um im Kollektiv „Stalinallee" Studien vom Aufbau der Stadt zu machen. Zwei Kollegen aus N. waren mit bei der Tour. Wir hatten am Strausberger Platz ein großes Atelier, sozusagen unsere „Heimat“, wohin wir alle Studien, die auf den Baustellen entstanden waren, sicherstellten und wo wir figürliche Studien trieben.

 

Der Winter hatte schon im Dezember Schnee und Eis gebracht. Die Arbeit im Freien war eine Überwindung.

Es sah aber alles so wildromantisch aus, der blaue Rauch der Lokomobilen, die rauchenden Koksfeuer, die mächtigen Bauten im Schnee, die krabbelnden, fleißigen Menschen, die Preßlufthämmer stampften, die Loks pfiffen, alles war angetan, einen Maler zu begeistern.

Ich saß mit dem Rücken gegen einen Neubau, vor mir lagen die Rückseiten der großen Bauten, die Straße war aufgerissen und in den Gräben verlegten Arbeiter Rohre für Abflüsse, Gas und Elektrisch. Meine Staffelei hatte ich so platziert, daß sie niemandem im Wege stand.

Während meiner Arbeit begann plötzlich dichter Schneefall. In wenigen Augenblicken war meine Ölstudie unsichtbar verschneit. Ein paar Arbeiter, die mir zuschauten, merkten, daß ich mit der Arbeit aufhören mußte. Ich begann bereits einzupacken, als einer der Zuschauer einen prächtigen Einfall hatte. Er besprach sich mit seinen Kollegen und er sagte: ,Bleib ruhig da, Maler!"

In kurzer Zeit schleppte er mit seinen Genossen eine alte Tür an, schlug zwei große Haken in die Wand, sägte ein paar Stützen zurecht, stellte die Tür auf sie und die Haken, befestigte alles mit ein paar Hammerschlägen mit Querleisten zu den Stützen. So saß ich unter einem Wetterdach. Aber nicht genug damit, schleppte der Freund eine Holzwollmatte herbei, die er mir unter die Füße breitete, stellte einen Koksofen neben mich und sah mit Wohlbehagen auf sein Rettungswerk, das mir das Weiterarbeiten ermöglichte.

Inzwischen hatten die Rohrleger Schichtwechsel gemacht, da sprangen die Zuschauer selbst in die Gräben, damit ich das Bild figürlich beleben konnte. Dort hielten sie eine Weile aus, bis ich sie in typischen Arbeitsstellungen festgehalten hatte. Stolz erkannten sie sich an Gestalt und Kleidung auf dem Bilde wieder und verabschiedeten sich dann mit herzlichem Händedruck.

Wer kann bei dieser Kameradschaft sagen, daß ein Arbeiter keinen Sinn für Kunst besäße? Ich selbst erfuhr immer wieder die schönsten Beweise des Gegenteils.

 

 

Ein Modell

Das Wetter wurde so kalt, daß das Malen im Freien unmöglich wurde. Ich war auf der Suche nach einem Modell und stieg die Treppe vom Atelier hinab, als ich am Ausgang der Tonhalle einen kräftigen Mann gewahrte, der sich zu langweilen schien. Im Erdgeschoß fand ein Sonderverkauf für die Arbeiter der Stalinallee statt.

Ich fragte den Mann, der ein Zimmermann war, ob er wohl eine Stunde Zeit hätte und uns Modell stehen wolle. Er war erst mißtrauisch, ich aber erklärte ihm den Zweck meiner Frage und er kam zögernd mir ins Atelier nach, das sich im Dachgeschoß befand. Meine Kollegen begrüßten ihn freundlich. Wir ließen in auf einem Stuhl Platz nehmen und begannen ihn schnell in Kohle oder Kreide zu portraitieren.

Bei der ersten Pause schaute er voller Hingabe auf unsere Zeichenblätter und  erkannte sich darauf. Mit sichtbarer Freude setzte er sich wieder hin und wir arbeiteten weiter. Nach einer halben Stunde war unsere Arbeit beendet. Unseren Zimmermann, auf die an die Wand gestellten Zeichenblätter schauend, packte helle Begeisterung. Er beglückwünschte uns immer wieder zum gelungenen Werk und lud uns für den nächsten Sonntag zum Kaffee ein, damit wir seiner Frau seine Abbildungen zeigen könnten.    

Unsere Reisestunde hatte aber geschlagen und wir konnten die Verabredung nicht einhalten,

Heute hängt diese Zeichnung von damals in meinem Atelier und war vorher des öfteren auf Ausstellungen, weil das Gesicht dieses Menschen etwas von der Sicherheit eines tüchtigen Arbeiters ausstrahlt, der im Glauben an die Zukunft seine Arbeit liebt.

 

 

Kartoffelspalken

Wir wohnten zu ebener Erde. Es war unsere erste Flüchtlingswohnung. Es war Juni 1945.

An einem Sonntagmorgen, wir lagen noch im Bett, klopfte es ans Fenster. Durch die zurückgeschobene Fenstergardine sehen wir einen großen, nackten Kopf mit riesigen, abstehenden Ohren. Der Klopfende ruft in den schmalen Ritz des Fensters, das ich öffne, hinein: „Wohnt hier der Maler?" Ich erwidere: „Augenblick, ich komme gleich heraus. Ich ziehe mich rasch an."                                                 -

Vor dem Haus steht ein Mann, gut, aber kleinstädtisch gekleidet. Er stellt sich vor: „Fischer! Kannst mich Fritz nennen. Wie heißt du eigentlich?" „Heinrich", sage ich. „Das Du geht ein bißchen plötzlich, so bin ich es nicht gewohnt," meine ich. „Na, mach keinen Quatsch," erwidert er. „Du kannst bei mir arbeiten!"                                                   

Er erzählt, er sei Weber, hätte aber eine Drehbank und drehe Holzteller, Büchsen und dergleichen. Ein Tscheche hätte ihm die Teller immer gemalt, jetzt ist er nach Tschechien zurück, ich solle ihn nicht in Verlegenheit bringen, sondern ihm aushelfen und die Teller, die im Holz einen Fehler hätten, bemalen. Ich hätte ja sowieso nichts zu tun. Das Geschäft ginge gut Ich bekäme bei ihm freies Mittagessen.

Ich gehe mit dem neuen Freunde Fritz gleich mit, rufe ins Zimmer hinein: "Mittags bin ich wieder da!" Oben im Dachgeschoß hat Fischers Fritz eine große Drehbank stehen. Er versteht seine Sache ganz gut. Ich sehe mir die Malerei des Tschechen an. Es ist dilettantische

Volkskünstelei.                          

 

„Ach", sage ich, „Ich werde dir immer mal ein paar Teller malen, aber ohne daß ich zeitlich gebunden bin, ganz so wie es mir paßt. Ich habe noch mehr zu tun!" Er ist es zufrieden. Mich lockt die neue Aufgabe und das Mittagessen! Es ist ja Notzeit.

Ich kann jederzeit auf den Dachboden und malen. Er hat mir ein kleines, staubfreies Kämmerchen eingerichtet. Das Licht spendet eine Dachluke. Nächsten Morgen um 11 Uhr fange ich an. Die Schwester vom Fritz, eine sehr einfache Frau in mausgrauer Kleidung, die sie tagein, tagaus trägt, bringt mir um Punkt 12 Uhr das Mittagessen. Sie nennt das Gericht „Kartoffelspalken". Mitten im Teller ist ein Häufchen Konservenfleisch. Ich futtere drauflos.

Der erste Teller ist fertig. Er sieht nett aus, ich habe ein Ornament gemalt, das immer wiederkehrt. Fritz hat Mittagsstunde, kommt zu mir herauf und meint: „Ich wußte, das du es noch besser als der Tscheche kannst, ich hatte von dir nur Gutes gehört". Er geht bald wieder.

Fritz dreht immer gegen Abend, er ist sehr fleißig! Ich entwerfe ihm neue Tellerprofile, male täglich meinen Teller, immer zur Mittagsstunde. Ich bekomme in 7 Tagen der Woche 6 mal Spalken. Kartoffelspalken, Möhrenspalken, Kartoffelspalken. Ich sage zu Fritz: „Deine Schwester kann wohl nur Spalken kochen?" Da meint er: „Komm morgen zum Sonntag, da gibt es Klöße. Ich bestelle sie wegen dir". Ich male Teller um Teller.

Eine sehr vornehme Dame besucht uns an einem Sonntag. Ich hätte einen Teller gemalt, den sie beim Herrn Fischer gekauft hätte. Er gefiele ihr so, daß sie sich nach meinem Namen

erkundigt hätte. Ob ich auch Landschaften male? Ich zeige ihr einige Bilder. Sie sagt:

„Besuchen Sie mich mit ihrer Frau, da besprechen wir alles.“

Lange schon hatten wir kein so gepflegtes, schönes Haus betreten, wie das von Frau Weller. Die Möbel sind edel und schlicht, die Bilder - meist Aquarelle - sind ausgezeichnet. Meine Frau steuert auf den Schreibtisch los, über ihm hängt ein großer Wandteller. Sie ruft: „Ist der schön, woher haben Sie denn diesen?" Da lächelt Frau Weller und meint: „Den hat doch Ihr Gatte gemalt!" „Ach", sagt meine Frau zu mir, „ich habe doch noch keinen Teller von dir gesehen. So einen kannst du uns auch einmal malen." Sie ist ganz begeistert.  

Ich frage Frau Weller: „Was hat der Teller gekostet?" Sie erwidert: „Er war nicht billig. 50 Mark." „Ach", sage ich, „ist der Fischer ein Gauner! Mir gibt er nur das Mittagessen und ein paar Mark!"                 

Frau Weller zeigt uns ihre Wohnung. In der Küche hängt noch ein Teller von mir: Kinder, die einen Reigen tanzen, als Ornament vereinfacht. Ich soll ihr eine Landschaft malen. Es wird ein schöner Nachmittag.                                                      

Am nächsten Sonntag bin ich wieder beim Fritz zu Tisch. Ich bleibe noch eine Stunde bei ihm. Es klingelt andauernd. Das Geschäft blüht. Meine Teller gehen wie warme Semmeln.

Ich sage zu Fritz: „So billig bekommst du aber keine Teller mehr." Er antwortet: „Du hast ja nie mehr verlangt! Hier hast du 50 Mark nachgezahlt. Du sollst auch vom Bäcker Brot haben, du sollst ihm ein Kasperletheater malen." Ich male es am nächsten Tage. Es sieht lustig aus.

Bald müssen wir die Stadt Mylau verlassen. Fischers Fritz besorgt uns eine große Kiste fürs Gepäck. Er steht abschiednehmend an der Bahn, wohin uns noch andere Freunde gebracht haben. Es ist ein großer Flüchtlingszug, der uns nach Thüringen bringen soll. Mylau wird von den Flüchtlingen geräumt, weil ein neuer Zug der Heimatlosen aus Tschechien kommt.

Letztes Händewinken.        

Wir fahren.  

 

 

Der Nachbar

Wir gingen vom Dorf, in dem wir einkaufen waren, heimwärts. Der Weg hatte starke Steigung. Vor uns schob ein kleiner, buckliger Mann in Lederjacke ein Fahrrad. Er blieb stehen um gemeinsam mit uns zu laufen und zu plaudern. Es war unser Nachbar, den wir noch nicht kannten.

Er bewohnte ein halb verfallenes Haus, eine richtige Räuberburg und war ein rechter Gauner und Halsabschneider, wie sie im Märchen vorkommen. Früher war er beim Zirkus, jetzt lebte er von unsauberen Geschäften, Wilddieberei, Waldfrevel und Tierzucht. Er fing jeden stromernden Hund und kochte ihn in der Pfanne. Er züchtete Meerschweinchen und weiße Mäuse für die Kliniken. Er hatte einen Ziegenbock, und das ganze Haus stank danach. Immer war er gutgelaunt und in seinen Augen flammten kleine blitzende Punkte. Er war ansonsten hilfsbereit und voller Wohlwollen. Hätte er Bildung gehabt und wäre in anderen Verhältnissen aufgewachsen, er wäre ein bedeutender Mensch geworden, denn er war klug und konnte reden wie ein Rechtsanwalt.

Er fing Rehe in der Schlinge, sah den Wald um sein Haus als sein Eigentum an und duldete keinen Menschen in seiner Nähe. Er wohnte auf der anderen Seite vom Gebirgsbach. Von der Chaussee zu seinem kleinen Hause konnte nur ein Wagemutiger über zwei lange runde Baumstämme gelangen, die als Brücke dienten, auf der er wie ein Seiltänzer geschickt

herüberbalancierte.            

 

Wir wußten damals nichts von ihm, als wir mit ihm das erste Mal zusammen plauderten. Als er erfuhr, daß ich Maler bin, wollte er seine Räuberburg gemalt haben und versprach mir Tabak dafür. Aber da kannten wir uns schon näher.       

 

Er konnte alles. Er war auch schon mal Porzellanmaler gewesen. Er war auch vor dem Kriege auf Tierfang in Afrika. Wenn er hätte schreiben können, ich meine, so wie ein Schriftsteller, er hätte ein bewegtes Leben darstellen können, denn er hielt wohl nie zu lange an einem Ort aus und hatte viel erlebt. In Lausnitz, wo wir damals wohnten, war er auch nur vier oder fünf Jahre und verkaufte sein Anwesen, um im Westen sein Glück zu versuchen.

Ich malte ihm wie verabredet sein Haus. Es war eine kleine intime Ölstudie auf Pappe. Er lud mich zu sich ein, ich solle es mir mal gerahmt ansehen. Er hätte sich das Bild selbst gerahmt. Ich ging zu ihm. Wie ich das Bild sehe, falle ich vor Schreck fast auf den Rücken. Er hatte es vollendet, wie er sagte.        

„Hier mußte noch ein Fuchs hin", meinte er und zeigte auf das Bild. „Jetzt sieht es erst richtig schön aus," sagte er und war ganz stolz auf sein Werk. Und ich sehe auf dem Bilde einen schleichenden Fuchs, der aus dem Wald hervortritt. Der Wald, den ich malte, war Hochwald, aber sein Fuchs war größer als sein Haus, ziegelrot und furchterregend wie ein Wolf im Märchen anzusehen.

 

 

Eine Hundegeschichte

Morgens heller Sonnenschein. Ich male ein altes Gehöft vom Gartenweg aus. Das vermooste Strohdach ist steil. Die Scheune liegt quer zum Wohnhaus. Vor den Häusern alte Obstbäume. Dahinter stehen Linden, sie verdecken die weitere Aussicht. Ein Gemüsegarten liegt vor der Wirtschaft. Es glänzen darauf Weißkohl- und Blaukrautköpfe und spiegeln die Sonne in ihren glatten Blättern. Wilde Kamille, die ersten Astern streuen helle Tupfen in die Beete.

Der Bauer fährt mit dem Leiterwagen auf das Feld. Seine Frau sitzt auf dem Wagen und hält einen großen Holzrechen in der Hand. Sie nicken freundlich, als sie an mir vorüberfahren.

Der Himmel bezieht sich. Ich spüre die Elektrizität der Luft und beeile mich mit meinem Bild. Es muß noch vor dem aufziehenden Gewitter fertig sein. Fernes Donnergrollen. Der Wind fegt den Weg entlang, wirbelt Strohhalme über meinen Kopf, Staub hüllt mich ein. Ich fürchte, daß das Bild verschmutzt, hebe es von der Staffelei, halte es verkehrt gegen die Windrichtung.

Der Wind läßt nach. Ich male mit fliegendem Spachtel weiter. Ich male die letzten unvollendeten Stellen zu, schlage mit einem Ruck den Rockkragen hoch. Im Ölfarbkasten sammelt sich das Wasser. Der Regen wird dichter. Plötzlich rauscht es von Weitem. Der Himmel ist schwarz geworden, das Licht ist fort. Da prasselt ein Wolkenbruch nieder. Ich ergreife Hocker, Malkasten, Spachtel, drehe das Bild um und renne zur nahe gelegenen Scheune. Stürze zurück, hole mein Fahrrad, verschnaufe, das Wasser von Hut und Jacke abschüttelnd. Mit Gegacker flüchten die Hühner in die offene Scheune, sitzen auf waagerecht aufgehängten Leitern, auf Ackergeräten, in einer alten Kutsche.

 

Draußen wütet das Wetter. Blitz um Blitz. Donner um Donner. Jetzt ein Schlag -ich falle fast vom Hocker, auf dem ich sitze.

Durch den Regen höre ich einen Hund wie einen Wolf heulen. Er fürchtet sich. Ich stehe auf, trete ins offene Tor der Scheune, schaue mich nach dem heulenden Hunde um. Er sieht mich, zerrt laut winselnd an der Kette. Ich gehe in den Wolkenbruch hinaus, springe über Lachen, bin beim klitschnassen Hund. Er ist ein großes starkes Tier, größer als ein Schäferhund. Er blickt mich an, ich löse seiine Kette, er springt an mir vorbei. Wo ist er hin???!!

Da flattert das Hühnervolk aus der Scheune, ganz aufgeregt schimpfen die Hühner. Der Hund packt ein Huhn, beißt es tot, packt ein zweites, es fällt leblos aus dem Maul. Mich überfällt Angst: wenn jetzt der Bauer kommt! Es ist Krieg, ein Huhn eine große Kostbarkeit.

 

Ich renne dem Hunde nach, greife ihn am Halsband, schimpfe wie ein Berserker, zerre den sich Sträubenden mit Klapsen strafend in den strömenden Regen zurück an seinen Pfahl, kette ihn fest. Renne zurück, hole aus der Scheune die beiden toten Hühner und lege sie fast unmittelbar in Reichweite seines Kettenradius. Er schnuppert zu den Hühnern hin, sieht traurig zu mir, heult wieder im strömenden Regen. Ich schimpfe weiter, er zieht den Schwanz ein, kriecht zu mir vor die Füße. Ich renne zur Scheune zurück, bin selbst pudelnaß.

 

Geratter auf dem Weg. Der Bauer kommt mit voll beladenem Erntewagen zurück. Seine Frau hat sich den Rock über den Kopf gezogen. Ihr Unterrock klatscht ihr naß um die Beine. Kein trockener Faden ist an den Bauersleuten.   

Plötzlich regnet es nicht mehr. Ein Licht stiehlt sich durch die Wolken. Ein kleiner blauer Fleck erscheint am Himmel. Die beiden Bauersleute stehen vor ihrem Haus. Der schwere Erntewagen steht unterm Dach. Die Pferde scharren. Sie drehen sich zu mir um. Der Bauer ruft: „Da sind Sie ja noch!" Die Frau steckt den Schlüssel in die Tür des Wohnhauses, betritt das Haus. Der Bauer, triefend vor Nässe, folgt ihr.

 

Nach einer Weile gehe ich mit dem Bild zum Wohnhaus herüber, klopfe an. Beide haben sich umgezogen. Ich trete ins Haus, zeige meine Arbeit. Mit wenigen Worten schildere ich, wie ich in die Scheune geflüchtet bin, wie der Hund geheult hätte und lüge ihm vor, denn mich packte die Angst, - wie sollte ich als Städter ihm auch zwei Hühner ersetzen, - lüge ihm also vor, die Hühner wären auch in die Scheune geflüchtet, immer dicht am Hund vorbei. Er hätte zwei geschnappt. Ich hätte sie ihm weggerissen. „Dort liegen sie," sage ich aus dem Haus tretend. Dann sage ich: „Beinahe hätte ich das Vieh von der Kette befreit, er heulte vor Angst wie ein Wolf und tat mir so leid ohne Hundehütte."

Da sagt der Bauer: „Dann hätte Sie das Biest zerrissen. Was denken Sie, den darf nicht einmal ich angreifen. Ich habe ihn erst seit zwei Tagen und wage mich nur mit einem Knüppel in seine Reichweite! Er ist wilder als ein Wolf!"

 

Da fährt mir der nachträgliche Schreck in die Glieder. Was wäre gewesen, er hätte mich angefallen? Ich war ohne Waffe! Mir wird es trüb vor den Augen. Ich zittere und halte mich an einem Pfosten des Gartenzaunes fest. Der Bauer sieht meinen Schreck, er lacht, packt die Hühner, wirft sie durchs geöffnete Fenster in die Küche und ruft: „Klara, mach `ne Suppe draus. Das Vieh hat wieder zwei Hühner gerissen."                     

                         

Ich sage schnell: „Auf Wiedersehen, ich muß heim," packe in der Scheune meine Malsachen in den Rucksack und fahre mit dem Rad zurück nach Münsterberg, wo ich zur Zeit wohne.